Häufig hat man mich schon gefragt. “Aber wie soll ich denn jetzt eine blinde Person ansprechen?” Meine ehrlichste Antwort ist: “Versuch dir vorzustellen, du wärst blind und stell dir dann vor, was du gerne haben könntest und was nicht, dann machst du vermutlich nicht alles verkehrt.” Das ist nicht die Antwort, die sich viele Menschen erhoffen. Von mir hat man schon häufig verlangt, ich solle doch Regeln aufstellen, wie man sich blinden Personen gegenüber zu benehmen hat. Es gibt zum Beispiel die Führtechnik, blinden Menschen den Oberarm anzubieten, damit die sich festhalten können, wenn sie Hilfe annehmen wollen, das kann ich sagen. Sonst kenne ich selbst keine offiziellen Regeln. Das kann daran liegen, dass blinde Menschen wie alle Menschen einfach sehr individuell funktionieren. Einige werden beim Laufen gar nicht gerne angesprochen, da es sie ablenkt und die Gefahr des Verlaufens erhöht, andere freuen sich extrem, weil sie schon länger Hilfe bräuchten. Persönlich würde ich empfehlen, blinde Menschen möglichst unbeschwert anzusprechen. Ich rate auch ein bisschen davon ab, sofort mit Berührungen anzufangen, einige blinde Menschen haben, wie andere Menschen auch, nicht so Freude an Körperkontakt. Ich würde als daumenregel formulieren: Zweimal mit blossem Anreden versuchen, beim dritten Mal einen ganz leichten Stups geben. Was ich wirklich nicht empfehle, es sei denn, wir sind in drastischer Lebensgefahr, jemanden direkt am Arm anzufassen und wegziehen zu wollen. Schliesslich weiss man gar nicht, ob die Person sich nicht genau da befindet, wo sie sein will. Auch, wenn man Fragen hat, ermuntere ich, sie direkt zu stellen. Dabei kann es allerdings durchaus sein, dass die Person, die man fragt, vielleicht gerade nicht so motiviert ist, über ihre Blindheit zu reden, da es eben nicht das einzige ist, was blinde Menschen ausmacht. Was ich persönlich nicht besonders toll finde: Wenn ich mich irgendwo befinde, und Menschen, egal ob Eltern und Kind oder auch zwei Altersgenossen, beginnen, über “diese blinde frau da zu reden, die sieht glaube nicht so gut, und es ist schon faszinierend, was sie da jetzt macht und so.” Das finde ich wirklich nicht toll, da mich einiges mehr ausmacht als der Umstand, nicht sehend zu sein, und auch, weil für Sehende die Begegnung mit zum Beispiel mir eine einmalige Begegnung mit einer Frau mit Stock sein könnte, wohingegen ich täglich unter Sehenden bin. Gespräche, in denen über einem gesprochen wird, egal aus welchem Grund, aber man kann nichts tun ausser zuhören, finde ich tendenziell zermürbend und etwas problematisch. Ich möchte dazu ermuntern, Fragen an blinde Personen zu richten und sie als Gesprächspartner*innen ernst zu nehmen. Die Grenze von blind und sehend verschwimmt in Dialogen häufig. Irgendwann redet man dann über Studium, Arbeit, Musik und so weiter. Je mehr man redet, desto weniger hat man, glaube ich, Respekt davor, etwas “falsch” zu machen. “Hey blinde kuh” ist sicher eine Anrede, die etwas anstössig wäre und vermieden werden sollte. Einen Menschen beim Führen am Haar zu zerren, ist auch nicht gerade angenehm. Aber da sind wir wieder bei der Regel. Man möchte selber anständig angesprochen werden und man möchte auch nicht grob behandelt werden. Aber es gibt eben kein Regelbuch, höchstens Tipps und Empfehlungen, und das ist gut so. Eigentlich finde ich, man muss nicht weniger Angst davor haben, einen blinden Menschen anzusprechen als einen anderen, ich glaube nicht daran, dass man ganz viel falsch macht, nur, weil man noch nie mit blinden Menschen Kontakt gehabt hat; Wenn man sich nur ein bisschen überlegt, wie man selbst gerne behandelt werden will. Einige haben Respekt davor, beim Reden visuelle Ausdrücke zu benutzen wie: “Schau mal” oder “siehst du.” Ganz persönlich denke ich, dass es auch für blinde Menschen ein bisschen ein Hang zu Unkompliziertheit ist, wenn man solche Ausdrücke nicht als störend empfindet, wenn sie nicht gerade in einer Massenhäufung vorkommen. Neue Kontakte sind immer ein bisschen ein Abenteuer, und das braucht bereitschaft und Verständnis von beiden Seiten.